With virtual reality against domestic violence

Der Mann wirkt bedrohlich und schimpft: »Du siehst scheiße aus«, sagt er. »Schau dich an, fette Kuh.« Er kommt immer näher – es sieht aus, als ob er gleich zuschlagen wird. Mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf spüren Gewalttäter, wie es sich anfühlt, Opfer zu sein. Die »Oculus Quest« überträgt Bewegungen der Nutzer dabei in das virtuelle Wohnzimmer, in dem die Szene spielt.

Einmal beobachtete der spanische Gefängnispsychologe Nicolás Barnes, wie sich ein Häftling das VR-Headset schnell vom Kopf riss – weil ihn das Erlebnis so aufwühlte. »Es war mir peinlich, und ich wurde wütend«, beschrieb ein anderer Insasse die Erfahrung. »Ich habe mich gefragt: ›Fuck, verhalte ich mich wirklich so?‹«

Barnes arbeitet im Mas d’Enric-Gefängnis in Tarragona im Nordosten Spaniens mit Tätern, die einsitzen, weil sie ihre Partnerinnen geschlagen oder gewürgt haben.

Das Virtual-Reality-Training ist eine der wenigen Initiativen weltweit, die bei den Tätern ansetzen, um häusliche Gewalt zu bekämpfen. Die meisten Programme konzentrieren sich auf die Opfer – obwohl Täterprojekte ein wichtiges Element sind, um den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen.

Denn während viele traditionellere Ansätze darauf abzielen, dass Frauen sich aus Gewaltbeziehungen befreien, sieht die Realität häufig anders aus: Viele trennen sich erst nach Jahren von ihren Partnern, häufig kehren selbst Straftäter nach einem Gefängnisaufenthalt wieder in ihre Familien zurück.

Von Projekten, in denen Männer lernen, mit Aggressionen umzugehen, können daher auch Frauen profitieren. Solche Ansätze sind gerade derzeit wichtig, da die Fälle häuslicher Gewalt in der Coronakrise angestiegen sind. Hilfsorganisationen in vielen Ländern berichten, dass Notrufe und Vorfälle zunehmen. Das Zusammenleben auf engem Raum und finanzielle Engpässe verschärfen bestehende Konflikte, gleichzeitig können sich Betroffene brutalen Partnern im Lockdown kaum entziehen.

Initiativen aus Spanien, den USA und Südafrika zeigen, wie verschiedene Methoden Tätern helfen können, ihr Verhalten zu ändern – darunter das Training mit Virtual-Reality (VR), aber auch Gruppentherapie oder digitale Kampagnen.

Sechs katalanische Gefängnisse nutzen derzeit das VR-Angebot des spanischen Start-ups Virtual Bodyworks aus Barcelona: Es ergänzt hier die Rehabilitierung, Straftäter müssen sich mit ihrem Verhalten und Aspekten wie Macho-Gehabe, Impulsivität und Empathie auseinandersetzen, bevor sie entlassen werden.

Empathie ist bei der Arbeit mit Tätern ein Schlüsselfaktor: Die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, fehlt vielen, sie interpretieren häufig auch ängstliche Gesichtsausdrücke von Frauen fälschlicherweise als positiv. Gefängnispsychologe Barnes ist überzeugt, dass Virtual Reality den Lernprozess beschleunigen kann: »Es ist etwas ganz anderes, als Gewalt theoretisch zu besprechen«, sagt der 46-Jährige.

Das Start-up Virtual Bodyworks erforscht auch wissenschaftlich, wie virtuelle Realität der Prävention dient: Einer Studie zufolge hilft der Perspektivwechsel Nutzern etwa, Angst in weiblichen Gesichtern besser zu erkennen.

Auch in den USA fehlen in vielen Bundesstaaten ausreichende Programme für gewalttätige Männer, im progressiven Bundesstaat Vermont arbeiten Therapeut Bill Pelz-Walsh und der Professor für Friedens- und Konfliktforschung John Ungerleider seit mehr als 25 Jahren mit Gewalttätern. Ihr Anti-Aggressionstraining haben sie derzeit auf Zoom umgestellt. Die Teilnahme an dem staatlich zertifizierten, 30-wöchigen Programm »Taking Responsibility« ist freiwillig, die Männer müssen 30 Dollar pro Sitzung überweisen.

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