Nach der Pandemie wird Europa am Rande einer Kriegswirtschaft stehen

Die ökonomischen Folgen der Pandemie sind in der EU zwar unterschiedlich. Am Ende jedoch wird die Pandemie eine von den Regierungen gelenkte Wirtschaft und zerrüttete Staatsfinanzen hinterlassen. Um die Schulden zu finanzieren, bleibt nur ein Weg.

Die zweite Welle der Pandemie ist in Europa voll im Gang. Und wie bei der ersten Welle sind die EU-Staaten ökonomisch unterschiedlich stark betroffen. In Südeuropa ist die Wirtschaft stärker von Dienstleistungen abhängig als im Norden. Maßnahmen zur sozialen Distanzierung treffen die Wirtschaft dort ins Mark.

In Deutschland spielt das verarbeitende Gewerbe eine größere Rolle. Hinzu kommt, dass im Gegensatz zur ersten Welle die deutsche Wirtschaft weniger an der Unterbrechung von Lieferungen aus und nach China leiden wird, da dort die Epidemie weitgehend unter Kontrolle ist. Alles in allem muss die Wirtschaft im Euro-Raum mit einem erneuten Rückschlag im Winter rechnen, aber unter der Oberfläche wird die Entwicklung wohl eine k-förmige Spreizung zeigen: Wo das verarbeitende Gewerbe wichtig ist, ist die Wirtschaft resilienter, wo sie von Dienstleistungen abhängt, bricht sie kräftig ein.

Die k-Spreizung dürfte auch für den weiteren Verlauf der Staatsfinanzen bestimmend sein. Das Wiederaufflammen der Wirtschaftskrise in Südeuropa wird noch mehr staatliche Unterstützung notwendig machen, die am Ende zu noch höheren Staatsschulden führen wird. Da eine steigende Neuverschuldung am Markt wegen des dadurch drohenden Anstiegs der Zinsen ausgeschlossen ist, muss die Europäische Zentralbank über eine Aufstockung ihres Corona-Anleihekaufprogramms PEPP für die monetäre Finanzierung sorgen. Mit PEPP kann sie das Geld auch gezielt für die besonders bedürftigen Länder drucken.

Die Hinterlassenschaften der Epidemie werden eine weitgehend von den Regierungen gelenkte Wirtschaft, zerrüttete Staatsfinanzen und ein zur Finanzierung der Staatsschulden geschaffener enormer Geldüberhang sein. Die Ähnlichkeiten mit einer Kriegswirtschaft sind unübersehbar.

Nach den Napoleonischen Kriegen konnte sich England mit der industriellen Revolution aus seinen Staatsschulden herausarbeiten, nach dem Zweiten Weltkrieg gelang dies den USA mit einem von Wiederaufbau und Nachholkonsum ausgelösten (und mit negativen Realzinsen unterstütztem) Wirtschaftsboom. Ein vergleichbarer Wachstumstreiber für die Zeit nach der Epidemie ist für die Euro-Zone nicht in Sicht. Es drohen Konkurs oder Inflation zur Beseitigung des Schulden- und Geldüberhangs.

Wären die verantwortlichen Politiker fähig, über den Tag hinauszudenken, würden sie schon heute eine Währungsreform ins Auge fassen, mit der ein erheblicher Teil der Staatsschuld auf der Bilanz der EZB stillgelegt werden könnte. Die Digitalisierung des Euro böte dafür die Gelegenheit. Doch wäre eine durchdachte Lösung ein Wunder. Andererseits wird man aber den drohenden Konkurs lieber verschleppen als zulassen.

Übrig bleibt als wahrscheinlicher Ausweg eigentlich nur die Inflation als Fegefeuer zur Schuldenverbrennung. Dafür gibt es gegenwärtig keine Anzeichen. Folglich wird sie umso überraschender für die vielen Volkswirte sowie die Anleger kommen, die es nicht schaffen, aus der Dynamik der Entwicklung abzuleiten, was um die nächste Ecke lauern könnte.

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke

Quelle

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